Gedenkveranstaltung in Cannstatt zur Pogromnacht 1938

73903948Am 9. November fand in Stuttgart-Cannstatt eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Faschisten der Novemberpogrome 1938 statt.
Zu Beginn gab es eine Kundgebung am Wilhelmsplatz, wo verschiedene Reden – unter anderem vom Zeitzeugen und Kommunisten Thedor Bergmann – gehalten wurden. Er ging in seiner Rede auf die Entstehung des deutschen Faschismus, sowie dessen aggressive Vernichtungskriege und die Vernichtung von Millionen von Menschen ein. Auch benannte er klar und deutlich die historischen Fehler, die zu der Zeit von antifaschistischen Kräften begangen wurden und rief dazu auf, aus diesen zu lernen und den Kampf gegen die Faschisten heute fortzuführen.

Auch das AABS beteiligte sich an der Kundgebung und hielt eine Rede, welche sich mit der unsäglichen öffentlichen Umdeutung des 9. November zu einem Feiertag zum „Sieg“ über den Sozialismus statt einem antifaschistischen Gedenktag, sowie dem Kampf gegen die Faschisten heutzutage auseinandersetzte. Diese ist weiter unten dokumentiert.

Nach den Reden zogen die rund 150 TeilnehmerInnen geschlossen zum Gedenkstein der ehemaligen Cannstatter Synagoge, welche, wie hunderte weitere, in der Nacht auf den 10. November 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde. Dort wurde ein Kranz und 200 rote Nelken niedergelegt und der Opfern des Nazi-Terrors mit einer Schweigeminute gedacht.

141109_Gedenkmarsch

Rede des AABS:

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Anwesende,

wir sind heute am 9.11.2014 an einem besonderen Tag zusammen gekommen.
Zu diesem Anlass wollen wir aus antifaschistischer Sicht einmal beleuchten, wie Erinnerung am Tag der Pogromnacht vom 9.11.1938 heute aussieht. Darauf folgend wollen wir schildern, mit welchen Problemen wir konfroniert sind und was unsere Antwort darauf ist. Dies soll anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit einem Vortrag des Philosophen Theodor W. Adorno geschehen, den er 1959 hielt. Nach seiner Flucht vor den Nazis kehrte er zurüch nach Deutschland. Dort lehrte er am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Zu Anfang des Vortrags hielt er fest:

Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann brache durch helles Bewusstsein. Sondern man will einen Schlussstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen.“ Wie das passiert führt er sehr eindrücklich aus: „So sind wir im Gruppenexperiment des Instituts für Sozialforschung häufig darauf gestoßen, dass bei Erinnerungen an Deportation und Massenmord mildernde Ausdrücke, euphemistische Umschreibungen gewählt werden oder ein Hohlraum der Rede sich darum bildet; die allgemein eingebürgerte, fast gutmütige Wendung „Kristallnacht“ für das Pogrom vom November 1938 belegt diese Neigung.“ seit 21959 hat sich die Begrifflichkeit „Kristallnacht“ immer fester in den Sprachgebrauch verwurzelt. Bezeichnend für die aktuelle Situation hier bei uns ist folgender Umstand: An einem Gedenktag daran, dass im Jahr 1938 hier in Cannstatt viele Läden von jüdischen Inhabern und die Synagoge zerstört wurden, findet heute ein verkaufsoffener Sonntag statt.

Selbstkritisch müssen auch wir uns hinterfragen, wie viele von uns den Namen „Bad Cannstatt“ unkritisch verwenden. Der Zusatz Bad erfolgte schließlich 1933 durch die Nazis. Natürlich ist die Bezeichnung ein Aushängeschild wie bei anderen Städten. Dennoch ist es ein schönes Zeichen, wenn wir, wie viele ältere Menschen aus Cannstatt, es praktizieren auf den Zusatz „Bad“ zu verzichten, wenn es um Cannstatt geht.

Doch nicht nur in den Sprachgebrauch haben sich Dinge eingeschlichen. Wir wollen daher den heutigen Tag auch zum Anlass nehmen, um eine in der Gesellschaft tief verwurzelte Denkweise aufzugreifen die Adorno bereits 1959 beschrieben hat: „Der Widerstand gegen den Osten hat in sich selbst eine Dynamik, welche das in Deutschland Vergangene erweckt. Nicht bloß ideologisch, weil die Parole vom Kampf gegen den Bolschewismus von jeher denen zur Tarnung verhalf, die es mit der Freiheit nicht besser meinen als jener.“

Die Systemkonkurrenz ließ alte Denkweisen aufleben. Eine Folge davon war die Gleichsetzung des Faschismus und denen, die ihn am entschlossensten bekämpften. Dass sogar Adorno selbst, einer der heftigsten Kritiker der deutschen Tarnung, in die selbe Kerbe schlug, blieb nicht ohne Folgen. Er und Hannah Arendt sind hier nur beispielhaft zu nennen. Sie trugen mit vielen anderen dazu bei, dass aus Kritik am totalitären Charakter des Faschismus die Triebkraft und Tarnung für den Antikommunismus wurde. In den 55 Jahren anch Adornos Rede ist viel passiert und doch hat sich wenig verändert, was die Lösung der Ursachen angeht. Uns geht es darum genau die politische, gesellschaftliche und mediale Fokussierung am Gedenktag zu hginterfragen. Was war in den letzten Tagen omnipräsent? Wenn mit christlichem Blick staatstragend der Mauertoten gedacht wird, geschieht dies mit einer Scheinmoral. Zum einen wird verschwiegen, wie viele Flüchtlinge in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken sind und wie sich unsere Bundesregierung dazu verhält. Zum anderen wird seit dem Wegfall der Systemkonkurrenz am 9.11.1989 die Kritik an der DDR in den Hauptfokus gestellt. Die von Adorno vorgetragene Empfehlung wird dadurch auf eine spezielle Art und Weise ignoriert: Die Aufarbeitung ist, bis auf wenige Ausnahmen so geschehen wie Adorno es 1959 verhindern wollte. Unter den deutschen Faschismus wird der Schlussstrich gezogen. Das helle Bewusstsein erstrahlt dagegen in einer ungeahnten Dimension – vor allem bei dem Thema DDR-Aufarbeitung. Deren Bann ist längst gebrochen, während der Bann des Faschismus fortbesteht. Die Erinnerung an den 9.11.1938 muss im Diskurs zurückweichen vor dem 9.11.1989.

Wenn von offizieller Stelle überhaupt was passiert, dann wir folgendes verschwiegen: Längst fällige Zahlungen an Opfer des deutschen Faschismus werden verzögert. Die juristische Ebene ist ebenso erbärmlich und peinlich. Die Scheinmoral aht viele Seiten. Das Ergebnis ist eine beschämende Verharmlosung des deutschen Faschismus.

Unsere Antwort auf diese Vorgehensweise ist: Nicht vergessen – Erinnern! Es gilt darauf aufmerksam zu machen, wie die deutsche Wirtschaft vom 9.11.1938 profitiert hat und welche zerstörerische Kraft von ihr ausging. Die Profiteure und Täter von damals kamen größtenteils ungeschoren davon. Schon kurz nach dem Kriegsende war auch der Widerstand gegen den Osten wichtiger als die Aufarbeitung. Die früheren Täter waren schon bald wieder im System integriert und begannen sich zu tarnen. Das führte zu dem Problem das Adorno schon 1959 klar beschrieb: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“

Solches Nachleben in der Demokratie tritt aus unserer Sicht heute in einer neuen Form auf. Rechte Kreise in den bürgerlichen Parteien und der neuen Erscheinung AfD sind da klar zu benennen. NOCH werden konkrete diskriminierende Äußerungen großteils verklausuliert geäußert. Bei Flüchtlingen wird vor Armutsflüchtlingen gewarnt oder es geht um Sicherheit. Gender, Islam und Homo-Ehe sind Reizworte, die „White web warriors“ auf den Plan rufen. Das sind weiße, großteils männliche Internetnutzer, die in Blogs und sozialen Netzwerken versuchen, die Diskurse zu dominieren. Doch inzwischen drängen sie auch immer mehr auf die Straßen. Im Zuge der hitzigen, unsachlichen Diskussion um die Verankerung des Themas sexuelle Vielfalt im Bildungsplan ist eine neue reaktionäre Bewegung „Demo für Alle“ bei uns im Ländle entstanden. Die verschiedenen Akteure verbünden sich untereinander. Dass sie mit ihrer bürgerlichen Fassade ein Klima für Hetze befeuern und damit den Faschisten einen fruchtbaren Boden bieten und diesen fleißig gießen ist gewollt. Vorbild ist dabei der Rechtsruck in Europa zum Beispiel in Frankreich oder Ungarn.

Den Boden austrocknen und Hetze direkt ersticken, darauf konzentrieren wir uns daher. Zum einen sind wir aktiv auf der Straße. Die Kultur des Widerstandes ist erfolgreich, wenn es gelingt, möglichst viele Menschen auf die Straße zu mobilisieren und es den Nazis und reaktionären Kräften so unmöglich zu machen, ihre reaktionäre Hetze auf die Straße zu tragen. Wenn wir Ansätze dazu bemerken, dann werden wir aktiv, zum Beispiel mit Kundgebungen und Infoveranstaltungen. Im Landkreis Esslingen ist die Situation momentan angespannt. Ebenso erreichen uns Berichte von Naziaktivitäten in Pforzheim. Flüchtlinge oder fortschrittliche Kräfte werden dort bedroht und Waffen wurden bei Nazis aufgefunden. Auf staatlichen Antifaschismus mit Gleichmacherei und Vertrauen auf Behörden wollen wir uns nicht verlassen. Das dient doch nur der Versicherung eigener moralischer Integrität und steht praktischem Antifaschismus permanent im Wege. Nach Auffliegen des NSU zweifeln sogar bürgerliche Medien am Willen und der Wirksamkeit.

Der andere Ansatz ist gegen die oben geschilderten Tendenzen anzugehen. Ziel ist es an deren Maske zu zerren und zu verhindern, dass ein fruchtbarer Boden entsteht, auf dem Faschisten aufbauen können. Wichtige Vorraussetzung ist, dass die Reaktionären auf eine breite Kultur des Widerstandes in der Gesellschaft stoßen. Wenn es gegen solche rechte Tendenzen in bürgerlichen Kreisen geht, treffen wir auf eine Wand des Schweigens. Gegen einen Naziaufmarsch können wir dagegen weite Teile der Bevölkerung mobilisieren. Die Bündnisarbeit ist teilweise schwierig und wir sind immer wieder mit Akteuren konfrontiert, die eine Definitionsmacht über die angemessenen Mittel und Vorgehensweisen beanspruchen. Wir müssen auf mehreren Ebenen aktiv sein und uns auch dort immer wieder mit internen und externen Herausforderungen auseinander setzen. Nach der Arbeit oder dem Studium engagieren wir uns. Wir werden dabei beobachtet und kriminalisiert von Leuten, die dafür bezahlt werden, dies hauptberuflich im Staatsauftrag zu machen.

Doch wir lassen uns nicht entmutigen. In scheinbar aussichtslosen Situationen ahebn sich überzeugte Antifaschisten und Antifaschistinnen langfristig durchgesetzt. Unsere größte Stärke ist die feste eigene Überzeugung. Entschlossen rufen wir hinaus: No Pasaran!

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